Grundsteuer 2026: Drei Bescheide, Rechenformel, Hebesätze, Einspruch – und die Umlage auf Mieter

Der Wert wird beim Finanzamt angegriffen, der Hebesatz im Gemeinderat – und Mieter zahlen über die Nebenkosten mit. Die Grundsteuer 2026 in Beispielen.

Seit dem 1. Januar 2025 wird die Grundsteuer nach neuen Regeln erhoben – und 2026 ist das erste Jahr, in dem die meisten Eigentümer und Mieter die Folgen komplett sehen: neue Bescheide, neue Hebesätze, in vielen Städten deutliche Erhöhungen trotz des Versprechens der „Aufkommensneutralität“. Ein typisches Einfamilienhaus zahlt 2026 zwischen 300 und 900 € im Jahr, eine Eigentumswohnung 150 bis 500 € – Mieter über die Nebenkosten mit. Dieser Beitrag erklärt die drei Bescheide und ihre Fristen, die Rechenformel des Bundesmodells und der Ländermodelle, Beispiele mit Hebesätzen 2026, wann Einspruch oder Widerspruch lohnt (und gegen welchen Bescheid), die Nachweismöglichkeit eines niedrigeren Verkehrswerts nach BFH, die Grundsteuer C und die Umlage auf Mieter.

Drei Bescheide, zwei Behörden

Bescheid Von wem Inhalt Rechtsmittel, Frist
1. Grundsteuerwertbescheid (Bundesmodell) / Äquivalenzbetragsbescheid (Ländermodelle) Finanzamt Wert bzw. Fläche und Bodenrichtwert zum 1.1.2022 Einspruch, 1 Monat
2. Grundsteuermessbescheid Finanzamt Wert × Steuermesszahl = Messbetrag Einspruch, 1 Monat – nur wegen Fehlern in diesem Bescheid
3. Grundsteuerbescheid Gemeinde Messbetrag × Hebesatz = Jahressteuer, Fälligkeit (15.2., 15.5., 15.8., 15.11.) Widerspruch bzw. Klage, 1 Monat – nur wegen Hebesatz oder Rechenfehler

Die häufigste Fehlentscheidung: Widerspruch bei der Gemeinde gegen einen Wert, den das Finanzamt festgesetzt hat. Der Grundsteuerbescheid der Gemeinde ist ein Folgebescheid – Einwände gegen Fläche, Bodenrichtwert oder Mietniveau gehören in den Einspruch gegen Bescheid 1. Wer die Frist dort versäumt hat, kann eine fehlerbeseitigende Fortschreibung beantragen (§ 222 BewG) – sie wirkt für die Zukunft, nicht rückwirkend.

„Die Grundsteuer ist […] unter Berücksichtigung der Verhältnisse zu Beginn des Kalenderjahres festzusetzen. […] Die Gemeinde bestimmt, mit welchem Hundertsatz des Steuermessbetrags oder des Zerlegungsanteils die Grundsteuer zu erheben ist (Hebesatz).“

§ 9 und § 25 Grundsteuergesetz (verkürzt)

Die Formel – Bundesmodell und Ländermodelle

Bundesmodell (Berlin, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, NRW, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Thüringen): Grundsteuerwert (aus Bodenrichtwert, Fläche, Baujahr, statistischer Nettokaltmiete nach Mietniveaustufe) × Steuermesszahl 0,31 ‰ (Wohngrundstücke; Nichtwohn 0,34 ‰) × Hebesatz. Sachsen (0,36 ‰ Wohn) und Saarland (0,34 ‰) haben eigene Messzahlen; Berlin und NRW haben 2025 differenzierte Hebesätze für Wohn- und Nichtwohngrundstücke erlaubt, um Wohnen zu entlasten.

Ländermodelle: Bayern (reines Flächenmodell: 0,04 € je m² Grund + 0,50 € je m² Wohnfläche, Wohnen −30 %), Hamburg (Fläche + Wohnlage), Niedersachsen und Hessen (Fläche × Lagefaktor), Baden-Württemberg (Bodenwert: Fläche × Bodenrichtwert × 1,3 ‰, Wohnen −30 %). In den Flächenmodellen spielt der Wert des Hauses keine Rolle – eine Villa und ein Reihenhaus gleicher Fläche zahlen dasselbe.

Beispiele 2026

Objekt Modell Messbetrag Hebesatz 2026 (Beispiel) Grundsteuer/Jahr vorher (2024)
Einfamilienhaus 140 m², 600 m² Grund, Grundsteuerwert 320.000 €, NRW-Mittelstadt Bund 320.000 × 0,31 ‰ = 99,20 € Wohnen 690 % 684 € ≈ 420 €
Eigentumswohnung 75 m², Berlin, Grundsteuerwert 210.000 € Bund 65,10 € 470 % (Wohnen) 306 € ≈ 250 €
Einfamilienhaus 140 m², 600 m² Grund, Bayern Fläche (600 × 0,04 + 140 × 0,50 × 0,7) = 73,00 € 500 % 365 € ≈ 350 €
Reihenhaus 120 m², 250 m² Grund, Bodenrichtwert 900 €/m², Baden-Württemberg Bodenwert 250 × 900 × 1,3 ‰ × 0,7 = 204,75 € 350 % 717 € ≈ 380 €
Mietwohnung 60 m² im Mehrfamilienhaus (12 WE), Sachsen Bund (0,36 ‰) anteilig ≈ 40 € 550 % 220 € (in den Nebenkosten) ≈ 150 €

Die Hebesätze 2026 sind Beispiele – jede Gemeinde setzt ihren eigenen; die Spanne reicht von unter 300 % bis über 1.000 % (Ruhrgebiet, einige Städte in NRW und Hessen). Das Bodenwertmodell in Baden-Württemberg trifft große Grundstücke in guten Lagen hart, entlastet dafür Geschosswohnungen; das Bundesmodell verteuert ältere Häuser in Städten mit hohen Bodenrichtwerten.

Grundsteuer 2026 Beispiele: Einfamilienhaus NRW 684 Euro statt 420, Eigentumswohnung Berlin 306 statt 250, Einfamilienhaus Bayern 365 statt 350, Reihenhaus Baden-Württemberg 717 statt 380, Mietwohnung Sachsen 220 statt 150 Euro
Messbetrag × Hebesatz – wo die Kommune den Hebesatz nicht gesenkt hat, zahlen Eigentümer 2026 deutlich mehr.

Warum „aufkommensneutral“ nicht „für Sie neutral“ heißt

Die Reform sollte das Gesamtaufkommen jeder Gemeinde unverändert lassen; dazu veröffentlichten die Länder 2024 „aufkommensneutrale Hebesätze“. Viele Kommunen haben 2025 und 2026 darüber hinaus erhöht – die Grundsteuer ist eine der wenigen frei gestaltbaren Einnahmen in klammen Haushalten. Und selbst bei neutralem Gesamtaufkommen verschiebt die Reform die Last: Wohngrundstücke in Städten mit hohen Bodenrichtwerten zahlen mehr, Gewerbe und Umland weniger. Prüfen Sie den Hebesatz Ihrer Gemeinde gegen den veröffentlichten aufkommensneutralen Satz (Transparenzregister der Länder) – die Differenz ist die politische Erhöhung, gegen die nur der Gemeinderat hilft, nicht das Gericht.

Einspruch: wann er sich lohnt

  • Fehler in den Angaben: falsche Wohnfläche, falsches Baujahr, falsche Grundstücksfläche, falscher Bodenrichtwert (Zone prüfen unter BORIS) – Einspruch gegen den Grundsteuerwertbescheid, mit Nachweis.
  • Verkehrswert deutlich niedriger: Der BFH hat 2024 (II B 78/23, II B 79/23) entschieden, dass der Grundsteuerwert den Verkehrswert nicht um mehr als 40 % übersteigen darf – wer nachweist (Gutachten oder zeitnaher Kaufpreis), dass sein Objekt zum 1.1.2022 höchstens 70 % des festgesetzten Werts wert war, bekommt den Wert angepasst. Das trifft vor allem sanierungsbedürftige Altbauten in teuren Bodenrichtwertzonen.
  • Verfassungsbeschwerden: Musterklagen gegen das Bundesmodell laufen; mehrere Finanzgerichte haben 2024/2025 die Verfassungsmäßigkeit bejaht, Revisionen sind beim BFH anhängig. Ein Einspruch „wegen Verfassungswidrigkeit“ ruht kraft Gesetzes, wenn die Finanzverwaltung Vorläufigkeitsvermerke setzt – die meisten Bescheide tragen sie inzwischen, ein eigener Einspruch ist dann nicht nötig.
  • Hebesatz: Der Widerspruch gegen den Gemeindebescheid hat nur bei Rechenfehlern Aussicht; die Höhe des Hebesatzes ist politische Entscheidung.
Grundsteuer Bescheide und Fristen: Grundsteuerwertbescheid Finanzamt Einspruch 1 Monat, Messbescheid Finanzamt, Grundsteuerbescheid Gemeinde Widerspruch 1 Monat, Fortschreibung bei Fehlern, Verkehrswertnachweis 40 Prozent BFH, Fälligkeit 15.2. 15.5. 15.8. 15.11.
Der Wert wird beim Finanzamt angegriffen, der Hebesatz im Gemeinderat – nicht umgekehrt.

Mieter: Umlage und Kontrolle

Die Grundsteuer ist umlagefähig (§ 2 Nr. 1 BetrKV) und taucht 2026 in vielen Nebenkostenabrechnungen mit deutlich höheren Beträgen auf – nach Wohnfläche oder Miteigentumsanteil verteilt. Mieter dürfen den Grundsteuerbescheid einsehen und prüfen, ob nur der auf das Haus entfallende Betrag umgelegt wird (nicht die Garage des Vermieters, nicht das Nachbargrundstück) und ob bei gemischt genutzten Häusern der Gewerbeanteil herausgerechnet ist – bei differenzierten Hebesätzen (Berlin, NRW) muss die Aufteilung stimmen. Die Prüfschritte stehen im Ratgeber Nebenkostenabrechnung prüfen.

Grundsteuer C und Ausblick

Seit 2025 dürfen Gemeinden für baureife, unbebaute Grundstücke einen erhöhten Hebesatz festlegen (Grundsteuer C), um Bauland zu mobilisieren – einige Großstädte haben ihn 2026 eingeführt, mit Sätzen bis zum Doppelten. Die nächste Hauptfeststellung ist für den 1.1.2029 vorgesehen (Bundesmodell alle sieben Jahre); bis dahin gelten die Werte von 2022 – Umbauten, Anbauten und Abrisse müssen bis zum 31. März des Folgejahres angezeigt werden. Beim Hauskauf zählt die Grundsteuer zu den laufenden Kosten, die neben der Rate anfallen; der Beitrag Baufinanzierung 2026 rechnet sie in die Wohnkosten ein, der Beitrag Kaufnebenkosten die einmaligen Kosten beim Erwerb.

Tobias Kern
Tobias Kern

Schreibt auf Nettoradar über Haushalt & Kosten – mit den amtlichen Werten des Jahres und nachrechenbaren Beispielen.

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